Vampir Nr.23, 2 / 1981, p.65 - 66

Scanners

Scanners - Ihre Gedanken können töten

Scanners

Farbig. Kanada 1980. Produktion: Filmplan International. Verleih: Neue Constatin. Laufzeit: 100 Minuten. Deutsche Erstaufführung: 5. März 1981.

Regie und Buch: David Cronenberg. Kamera: Mark Irwin. Masken: Dick Smith. Spezialeffekte: Gary Zeller. Musik: Howard Shore

Vale......Stephan Lack

Kim.......Jennifer O`Neill

Dr. Ruth...Patrick McGoohan

Keller.....Lawrence Dane

Gaudi....Charles Shanata

Crostic....Adam Ludwig

Revok......Michael Ironside

Dr. Gatineau....Victor Desy

Pierce....Robert Silverman

 

Das Foto vom explodierenden Kopf ging als "Aufhänger" zu Cronenbergs Telepathen-Thriller durch die gesamte Weltpresse. Das erweckte fälschlicherweise den Eindruck, in SCANNERS würden die Köpfe gleich dutzendweise explodieren.

Das Gegenteil ist der Fall. Nach PARASITE MURDERS (1975), RABID (1977) und THE BROOD (1979) ist SCANNERS der am wenigsten blutige und interessanteste Film, den Cronenberg ("der Schöpfer des genetischen Horrors") bisher gedreht hat. Es ist kein billiger Horrorstreifen der primitiven Machart, sondern ein spannender Science-Fiction FIlm, der frühere PSI-Filme, wie etwa THE POWER (1967) von Byron Haskin, eher harmlos erscheinen läßt.

Den erwähnten Kopf läßt Cronenberg schon in den ersten Filmminuten platzen. So werden später auch die weiteren "Kraftübungen" der SCANNERS für den Zuschauer denkbar und plausibel. Diese schockierenden Szenen sind nicht einfach zum Schrecken des Publikums in die Handlung eingestreut. Sie entsprechen dem logischen Ablauf und sind mit tödlicher Konsequenz zu Ende "gedacht", auch wenn dem Zuschauer dabei einiges an Nervenkraft zugemutet wird.

Cronenberg zeigt die Scanners als Außenseiter der Gesellschaft, als Menschen, die es schwer haben, mit ihrer besonderen Fähigkeit fertig zu werden. Als Geschöpfe, die von "Stimmen in ihrem Kopf" gequält werden. Daß hinter der Geschichte ein Chemie-Konzern steckt, der mit einem Beruhigungsmittel für werdende Mütter die Scanner-Generation heraufbeschworen hat, macht den Film aber auch zum Action-Thriller mit Doppe-Agenten, Verfolgungsjagden und wilden Schießereien. Das Ganze endet in einem Zweikampf zwischen einem bösen Bruder, der Kraft seiner Gedanken die ganze Welt erobern will, und einem Guten, der seine Kräfte zum Wohle der Menschheit einsetzen möchte. In einer der verblüffendsten Szenen des Films schaltet sich Letzterer via Telefonleitung in den Zentral-Computer ein und sprengt diesen gar in die Luft. Ähnliches hat man vielleicht schon in SF-Romanen gelesen - jetzt kann man es im Kino sehen. Ja, es felt in SCANNERS wahrhaftig nicht an spektakulären Szenen. Vom Schulbus, der ins Schallplattengeschäft rast, in Flammen aufgeht und die Sprinkler-Anlage in Betrieb setzt, bis zum alles entscheidenden Scanner-Duell, bei dem man einmal mehr die Perfektion des Make-up-Spezialisten Dick Smith bewundern muß. Auch wenn der Anblick noch so schrecklich ist: Dick Smith war es übrigens auch, der für Brian de Palmas Telepathen-Thriller THE FURY die Effekte schuf. Man erinnere sich an das explosive Ende!

Man könnte SCANNERS höchstens zum Vorwurf machen, daß Cronenberg - ähnlich wie de Palma in THE FURY - zu viel in seinen Film gepackt hat. Doch die aktionsreiche Handlung bleibt klar verfolgbar bis zum Schluß. Und schließlich darf in einer Telepathen-Film auch vom Zuschauer etwas "Gedankenkraft" verlangt werden.

Hans D. Furrer

 

David Cronenberg (SHIVERS, RABID, THE BROOD) ist der König des kanadischen Films. Seine Spezialität ist der biochemische Horrorfilm. Mit SCANNERS, seinem vierten Genrefilm, hat er nun einen Ausflug in den PSI-Thriller unternommen, eine Filmform, die seit CARRIE (1976) die Kinokassen klingeln läßt. Cronenbergs Film besteht aus sehr viel Dialog und die Idee, auf der seine Handlung aufbaut, ist eine Spur zu phantastisch; die Geschichte ist zu verzwickt und will nicht so recht in Gang kommen. Spannend wird es erst in den letzten zehn Minuten, die dann allerdings dem bisher durchhaltenden Besucher einen gehörigen Ausgleich bieten. Das Duell der beiden Scanner-Brüder gehört zum Aufregendsten, was es in letzter Zeit im Kino gab und erhält durch die exzellenten Maskeneffekte von Dick Smith (THE EXORZIST, ALTERED STATES) einen faszinierenden, grauenerregenden Anstrich von Realität. Der überraschende, unvorhersehbare Schluß soll hier nicht verraten werden.

Dennoch macht ein gelungenes Ende noch keinen gelungenen Film aus. Cronenberg glaubte wohl, daß seine außergewöhnliche Scanner-Geschichte die Spannung und das Interesse auch in den (nicht gerade seltenen) Szenen, in denen nur geredet wird, aufrechterhalten könne. SCANNERS ist also nur mit Vorbehalt zu empfehlen, auch wenn er genügend Action und Überraschungen bereithält.

Peter Gaschler

 

Einer der wenigen, die es geschafft haben, zeitgenössische Probleme in Form einer packenden Horror-Story zu bringen, ist der kanadische Regisseur David Cronenberg.

In einer Gesellschaft, in der selbst die Gedanken der Menschen immer unfreier werden und Orwells Überwachungsstaat nicht mehr fern scheint, ist die Idee von Wesen, die die Gedanken anderer Menschen nicht nur lesen, sondern auch bis zur Selbstzerstörung beeinflussen können, gar nicht so weit hergeholt. "Scanners", so auch der Filmtitel, nennen sich die potentiellen PSI-Killer. Sie können allerdings den Gedankenstrom nur mit Hilfe der Droge abschalten, durch die er auch enstanden ist, sozusagen parapsychologische Junkies. Der Film schildert den erbitterten Kampf zweier Brüder, die mit dieser Fähigkeit ausgestattet wurden.

David Cronenbergs "Scanners" ist stark von Brian de Palmas PSI-Thrillern und "Blue Sunshine" beeinflußt. Perfekt inszeniert, von der ersten bis zur letzten Minute spannend und in der Realität angesiedelt, stellt er einen wichtigen Schritt zur Entwicklung des modernen Horror-Kinos dar.

Robert Schneider (Nürnberger Zeitung)

 

Doch, das gibt es noch: einen billigen, kleinen Science-Fiction-Horror-Film von eher reißerischen Charakter und nicht ohne die gängigen Geisterbahneffekte, der aber so vollendet gemacht, von so zwingender und origineller Logik ist, daß sich auch dem abgebrühtesten Kinohasen die Nackenhaare kräuseln und ein köstliches Frösteln in die Nierengegend schleicht. Hier, bei David Cronenberg, einem (noch) wenig bekannten neuen Wunderkind aus Hollywoods Garde von Edel-Trivialfilmern (Brian de Palma, John Carpenter), kann man wieder lernen, was es mit dem Fürchten auf sich hat: Daß es nicht genügt, einfach grausliche Dinge zu zeigen und literweise Tomatensauce zu verspritzen. Wenn der Schrecken nicht plausibel ist, eingebettet ins Ganze einer glaubwürdigen Geschichte, dann wird auch er nur langweilig und lächerlich. Cronenberg weiß das und bildet das Schreckliche nicht bloß ab, er gibt ihm Hand und Fuß, Sinn und Verstand.

Die "Scanners" im Titel sind Telepathen, unglückliche Mißgeburten, Opfer einer biologischen Manipulation. Ihre übernatürlichen Kräft können sich zu Gedeih und Verderb ihrer selbst und ihrer Umgebung auswirken. Cronenberg zeigt die Einsamkeit, ja Verzweiflung, die die aufgezwungene Wahl zwischen Gut und Böse, das schwierige Entweder-Oder zu schaffen. Alfred Hitchcock, der alte Moralist und erklärte Abgott der de Palmas und Konsorten, stellt auch hier wieder das Grundmuster: Der "gute" und der "böse" Scanner sind Brüder, wie zwei Seiten, zwei Gesichter ein und desselben Menschen. Cronenberg gestaltet ihren Konflikt zu einer anschaulichen und bedenkenswerten Metapher für den Homo faber der Moderne, der bekanntlich über Kräfte gebietet, die das Verüben des "absoluten Bösen" zulassen.

Pierre Lachat (Tages Anzeiger, Zürich)

 

Cronenberg ist ein Drastiker, kein Ästhet. Zwar wartet er mit einer nur allzu komplizierten, allzu wichtigtuerischen Intrigengeschichte auf, in der mal wieder mächtig um Wohl und Wehe der Menschheit als ganzer gerungen wird.

Wenn aber der gute und der böse "Scanner" mit kochenden Augäpfeln und platzenden Stirnadern zum Endkampf gegeneinander antreten - sie sind Brüder, sind Söhne des Scanners-Züchters, wie sich herausstellt, um dem Showdown eine mythische Gloriole aufzupappen-, muß der eher grobklötzige Regisseur Cronenberg seinen Job an die Trick-Spezialisten abtreten: Was da Kasse macht, sind ihre qualmenden Ketchup-Fontänen...

Urs Jenny (Der Spiegel)

 

Scanners (Regie: David Cronenberg). Platte, unergiebige Mischung aus Science-Fiction-Thriller und Agentenfilm von Kanadas König des Horrorfilms. Telepathisch begabte Menschen killen sich gegenseitig, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Die sogenannten Scanners können alles: nicht nur durch pure Willenskraft töten, sondern auch per Telefon Computer um ihren Verstand bringen.

In diesem eher lahm inszenierten Film wirken alles Szenen so pompös "erfunden", daß sie statt Ängste nur unfreiwilligen Humor erzeugen. Die dumm erdachte Story leidet unter einem Denkfehler: Die "Scanners" haben keine Schwächen, und wo Alleskönner am Werke sind, geht der Spannung bald die Puste aus.

D.K. (Kölner Stadtanzeiger)

SCANNERS - Der kanadische Drehbuchautor und Regisseur David Cronenberg wird in Cineastenkreisen gerade als neuer Meister des Horrorfilms entdeckt. Es ist eine sehr zweifelhafte Entdeckung: der neue kaputte Streifen ist weit unappetitlicher und geschmackloser als schockierend und gruselig. Scanners sind Leute mit telepathischen Fähigkeiten, die ihre zerstörerische Energie auf andere Körper übertragen und damit diese vernichten können. Die Story handelt von einem geisteskranken Scanner, der sich die Welt Untertan machen möchte, greift also ein uraltes Thema des Horror- und Science-Fiction Genres wieder auf. Dabei buhlt der Regisseur auf unerträglich plumpe Weise mit der Angst vor der Gedankenkontrolle und der parapsychologischen Modewelle. Handwerklich gut gemacht ist die ein im wörtlichen Sinne hirnrissiger Film.

radl (Nürnberger Nachrichten)