cinema Filmjahrbuch 1983, p. 192-194

Videodrome
(noch kein deutscher Titel)

David Cronenberg Videodrome

Verfilmter Alptraum einer alles umfassenden Fernsehwelt. Eine Sex-Horrorshow auf dem schwarzen Kanal wird zur elektronischen Droge

Während der letzten Hofer Filmtage erzählte jemand den Witz, daß man vor dem Besuch von David Cronenbergs Filmen rasch noch eine Lebensversicherung abschließen und die Vorstellung tunlichst im Sarg betrachten sollte, um seinen Hinterbliebenen nicht allzu viel Mühe zu machen. Ein Sarg scheint tatsächlich noch ein gemütlicher Ort zu sein angesichts Cronenbergs Horrorvisionen. Da kriechen eklige Aliens am Abfluß der Badewanne heraus, da platzen auf recht unappetitliche Weise ganze Köpfe. Wer hätte gedacht, daß solche Filme von einem eher harmlos aussehenden jungen Mann aus Toronto kommen, jenseits der Grenze des Filmlandes, dem man solche Spezialitäten eher zutraut.

Wie der Titel "Videodrome" schon andeutet, spielt Cronenbergs Alptraum weniger im Kino als in einer alles umfassenden Fernsehwelt, in der die Wirklichkeit und das bunte Geflimmere auf dem Bildschirm zu einer erschreckenden Einheit  verschmelzen.

Max Renn (James Woods) betreibt eine kleine Fernsehstation, den Kanal 83. Kanal 83 ist für sein Porno-Programm berühmt, was Max zwingt, immer neues, interessanteres Material zu besorgen, um neues Publikum zu gewinnen. Sein technischer "Zaubermeister" stößt eines Tages auf ein Satelliten-Programm, das schwarz ausgestrahlt wird. Es ist eine Horror-Sex-Show, von der sich Max den Publikumshit verspricht. Sie heißt "Videodrome" und bietet neben ganz "normalen" Perversionen und Vergewaltigungen sadomasochistische Folterungen, die den Tod nicht ausschließen. Im Abspann erscheint als Sendeort Malaysia. Max kann jedoch feststellen, daß das Programm tatsächlich in Pittsburgh hergestellt wurde (ein kleines Kompliment an den Pittsburger "Zombie"-Macher George Romero). Er nimmt die Sendung auf, um sie auszustrahlen. Nicki, seine Freundin, die von Deborah Harris [sic] gespielt wird, ist zwar Psychologin, doch die Bänder interessieren sie weniger beruflich, sondern als Mittel, um sie anzuturnen. Für Max aber werden die Tapes mehr und mehr zum realen Alptraum, während einer Liebesnacht erkennt er plötzlich die neben ihm liegende Nicki im nächsten Moment in der monströsen und mörderischen Sex-Show - und Max kann sich mit ihr über den Bildschirm unterhalten, auch mit jedem anderen, der bei der Show mitmacht.

"Videodrome", die TV-Sex-Horrorshow, die hier wie Film im Film wirkt, ist für Max zur bedrohlichen elektronischen Droge geworden. Er ist ihr verfallen, und sie löst bei ihm gefährliche Halluzinationen aus.

David Cronenberg Videodrome

Über einen Medienprofessor versucht er, der gefährlichen Kraft auf die Spur zu kommen, um sich von den Halluzinationen zu befreien. Cronenberg hat diese Kapazität, mit der man nur per Kassette kommunizieren kann, als eine Mischung zwischen Warhol und McLuhan kreiert, wobei unklar bleibt, ob dieser Medien-Messias selbst ein Opfer solcher halluzinatorischer Signale ist - oder der Scharlatan, der sie in den Äther schickt.

Max glaubt, daß die Ausstrahlung von "Videodrome" ein soziales Experiment ist - und er der erste Mann, der dadurch in eine völlig künstliche Videowelt geraten ist. Seine Überlebensfrage ist: Gelingt es ihm, in einen anderen Kanal zu entkommen?

Als Cronenberg den Film zu drehen begann, wußte er noch nicht, wie der Film tatsächlich enden wird - er drehte diesmal mit einem offenen Drehbuch, das es ihm gestatten sollte, das Ende bis zum tatsächlichen Abschluß der Dreharbeiten offen zu lassen.

"Videodrome" ist eine direkte Fortsetzung von Cronenbergs früheren Filmen, in denen er auch seine Alpträume bebildert hat. Gefährliche, brutale, mit deutlichen und versteckten sexuellen Momenten vermischte Szenen bestimmen diesen Film, der aber noch stärker surrealistische Momente trägt als seine Vorgänger. Cronenbergs Vorbilder mögen "Der andalusische Hund" und "L´Age d`Or" gewesen sein. Amerikanische Kritiker entdeckten sogar Momente des deutschen Expressionismus aus "Das Kabinett des Doktor Caligari" und erkennen beim Spiel zwischen Wirklichkeit und Halluzination Bezüge zu Polanskis "Ekel". Doch Cronenbergs Film ist viel mehr - man könnte ihn als eine böse schwarze Komödie bezeichnen, die auf diesem Weg scharfe Sozialkritik übt - oder als sadomasochistisches Sex-Kinostück aus einer miesen TV-Welt.