Die Welt, 31.10. 1996

    Liebe nach einem Auffahrunfall 

Von bestechender Radikalität and Konsequenz: David Cronenbergs Romanverfilmung "Crash"

Von EBERHARD von ELTERLEIN

Pfiffe machen verdächtig. Berührt der Film so unangenehm, weil er wirklich handwerklich so schlecht oder weill er in qualitativ hervorragender Weise radikal und provokant ist? Bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes wurde David Cronenbergs "Crash" ausgebuht, erst recht die Entscheidung, die Verfilmung eines Romans von James G. Ballard mit dem Spezialpreis der Jury auszuzeichnen. War diese blind, taub oder hatte sie etwa selbst Lust zur Provokation?

Nein, sie hat einfach nur einem hervorragenden Film seine verdiente Ehre erwiesen. Denn in "Crash" geht es nur vordergründig um zunächst eines - Sex. Sex im Auto, Sex in der Tiefgarage, Sex in der Waschanlage, Sex auf dem Balkon. Sex, Sex, Sex, in allen Lagen und Formen. Doch so freizügig die Szenen sind, in denen der Filmproduzent James Ballard (James Spader) mit seiner Frau Catherine (Deborah Unger) und der Psychologin Helen Remington (Holly Hunter) im erotischen Clinch liegt, so kühl and monoton wird Sex praktiziert, ja produziert.

Denn in dieser Technokraten-Welt schmuckloser Hoch- and dunkler Parkhäuser sowie achtspuriger Autobahnen sind Mensch and Maschine austauschbar geworden, und erhält der Protagonist seinen erotischen Kick sinnigerweise erst aus einem Auffahrunfall. Reifen quietschen, Metall splittert, Glas klirrt, als Ballard auf den Wagen von Helen Remington prallt. Schon splittert der Lack ab bei dem spröden Filmproduzenten and der kühlen Psychologin. Und sogleich treffen sich deren Körper, bewegen sich gleichmäßig and monoton auf der Hinterbank des Wagens. Sex verläuft nur noch maschinell. Eine düstere Vision für das nächste Jahrtausend schrieb der Engländer Ballard da vor gut zwanzig Jahren. Cronenberg taucht sie in eiskalte Bilder von grauen Häusern and weiten Straßen in weißem Licht. Seine Figuren bewegen sich hier in einer Kunstwelt. Sie sind gereinigt von allen Emotionen wie die Gegenstände and Orte, die sie umgeben.

Vom steinernen Balkon der Ballards, wo das Ehepaar lieblos in Liebe macht, kann man auf einen vielbefahrenen, vielverschlungenen Verkehrsknotenpunkt herunterschauen. Ein Unfall-Fetischist (Elias Koteas) holt sich seinen letzten Thrill, indem er berühmte Autounfälle - etwa den von James Dean - nachstellen läßt. Der erotische Antrieb entsteht aus dem Überschreiten von Tabus. Unfalltote werden zu Versuchstieren, and die an den Beinen verstümmelte Gabrielle (Rosanna Arquette) wird als Stimulans benötigt.

Zynismus, Bitterkeit und eine tiefe Traurigkeit schwingt da mit. Der Film macht frösteln. Doch er besticht. Vor allem durch seine formale Strenge. In wohlkomponierten Bildern gehen Personen and Umgebung ineinander auf, bedingen and durchdringen sich. Kein schöner, aber ein guter Film, der durch seine Einheit von Form and Inhalt besticht. Die Bilder sind so radikal and konsequent, wie es die Geschichte ist, die sie erzählen. Die Jury in Cannes zeichnete den Film für seine künstlerische Originalität, Innovation and Waghalsigkeit aus. Pfeift da etwa jemand?

"Crash" (Kanada) 1996: 98 Minuten. Freigegeben ab 18 Jahren. Startet mit cirka 60 Kopien. Regie and Drehbuch: David Cronenberg. Kamera: Peter Suschitzky. Musk Howard Shore. Darsteller: James Spader, Holly Hunter, Elias Koteas, Deborah Unger, Rosanna Arquette.