Die Welt, 17.11. 1999

Geht doch nach drüben!

David Cronenbergs neuer Film "eXistenZ" ist das ultimative Spiel mit der Wirklichkeit

Von Holger Kreitling

 

So sieht die Apokalypse aus. Ein Feuer brennt. James Woods hält an seinen Kopf eine Pistole, die mit seiner Hand verwachsen ist. Gerade hat er die Zukunft - seinen Tod - auf dem Fernsehschirm gesehen. James Woods sagt: "Lang lebe das neue Fleisch." Und schießt.

So endete 1983 David Cronenbergs Film "Videodrome", ein frühes Manifest des Video-Zeitalters, in dem Realität und Simulation sich unaufhebbar verschränken. Das neue Fleisch ist wieder da. Was heute noch ein Kalbsschnitzel ist, kann morgen schon ein Computerspiel sein. In "eXistenZ" versetzen sich die Menschen in eine künstliche Welt mit Hilfe einer lebenden Konsole, rund geschwungen wie eine  Niere, ein Handschmeichler. Das fleischfarbene Ding, gezüchtet aus befruchteten Amphibieneiern und synthetischer DNS, wird mit einer Nabelschnur ans Rückenmark angeschlossen.

"eXistenZ" heißt das neue Spiel der Entwicklerin Allegra Geller (Jennifer Jason Leigh), die wie ein Popstar angehimmelt wird. "Die Leute sind darauf programmiert, mit so wenig zufrieden zu sein," ruft sie einer kleinen Testgruppe in einem schäbigen Versammlungsraum zu. "eXistenZ" ist der Ausweg, ein vollkommenes Spiel, das sich von der Energie der Spieler ernährt.

Aus unerfindlichen Gründen wird Allegra Geller gejagt, sie flieht mit dem Assistenten Ted Pikul (Jude Law) erst in die Berge, dann in die "eXistenZ"-Welt, um herauszufinden, ob das Spiel noch funktioniert. Dort herrscht aber nicht Freiheit, sondern Paranoia und Verschwörung. Die Figuren sind streng konditioniert; das Spiel lenkt sich auf eine faszinierende Weise selbst, dass auch Niklas Luhmann sofort vom autopoietischen Joystick geschwärmt hätte. Regisseur Cronenberg ist übrigens jemand, der fehlerfrei Namen wie Sartre, Kierkegaard, Heidegger aussprechen kann.

Eine Gruppe von fanatischen "Realisten" will im Spiel das Spiel selbst vernichten, mitsamt Allegra Geller darin. Die Grenzen zur Realität sind längst aufgehoben; auch die Schöpferin von "eXistenZ" muss sich dem Spiel unterwerfen. In einer Forellen-Farm müssen Geller und Pikul Fische am Fließband ausweiden, damit neue Konsolen für "eXistenZ" hergestellt werden können. Realität, Virtualität, Sein, Nicht-Sein - nichts ist wirklich, alles ist erlaubt. Auch Mord aus purer Unterhaltungslaune. Aber gibt es eine Konsequenz, wenn die Ebene des Handelns unklar ist?

Der Film ist ein Spiel. Realität: reine Verhandlungssache. Seit Platon dem Menschen mit seinem Höhlengleichnis die Augen geschlossen hat, träumen wir vom richtigen Erfinden. Cronenberg läßt den Zuschauer in einen wundervollen Traum abgleiten, der etwas bedeuten könnte oder nicht. Geht doch nach drüben! heißt sein spöttischer Imperativ.

Noch nie hat David Cronenberg, der für seine biologischen Horrorfilme hoch verehrt wird, einen so komischen Film gedreht. Seine Satire steckt im Detail. Die Welt sieht so schäbig aus, wie echte Computerspiele mit virtuelle Animationen es nie hinkriegen. Es gibt keinen Grund, ins Land "eXistenZ" zu gehen, aber alle wollen es. Die Menschen hängen an den Nabelschnüren wie Vieh am Mastschlauch und schauen dabei in der künstlichen Welt ständige zu, wie Tiere ausgenommen werden. "eXistenZ" ist Cronenbergs erstes Originaldrehbuch seit "Videodrome"; er führt darin seine Ideen von Krankheit, Metamorphose und menschlicher Selbstprogrammierung grandios fort. Politik, Paranoia, Sex, Spiel - der Zuschauer bestimmt selbst die Ebene der Wahrnehmug von "eXistenZ". Es ist sicher der beste Film Cronenbergs seit "Die Unzertrennlichen" (1988), in dem Jeremy Irons als Gynäkologe eine Schönheitswettbewerb für innere Organe forderte. Wer sich auf "eXistenZ" einläßt, ist gefangen. Der Spieler verliert. Immer.

Einmal baut Jude Law, getrieben vom Spiel, das längst krank ist, eine Pistole. Er ißt in einem chinesischen Restaurant mit deutlichem Widerwillen unidentifizierbare Fleisch- und Fischstücke, lutscht die Knochen ab, und setzt die Teile zur Waffe zusammen. Aus seinem Mund holt er eine Brücke, schiebt die Zähne als Patronen in den Schaft. Er habe den unbedingten Willen, jemanden zu töten, sagt er. Und schießt.

Lang lebe das neue Kino.