Die Welt, 14.1. 1987

David Cronenbergs neue Verfilmung des Horror-Klassikers "Die Fliege"

Alle Monster müssen Federn lassen

 

In den 50er Jahren ließ sich der Journalist George Langelaan für seine Kurzgeschichte "Die Fliege" mit einem Literaturpreis auszeichnen, und das ermutigte 1958 den Regisseur Kurt Neumann dazu, den Stoff zu verfilmen. Zwar waren sich damals die Filmkritiker über das Ergebnis nicht einig, aber heute wird "Die Fliege" dennoch zu den Klassikern des Horror-Genres gezählt: Ein Wissenschaftler entwickelt einen Materietransmitter, der Menschen in Atome auflöst und sie an anderer Stelle wieder zusammensetzt. Beim Selbstversuch passiert leider eine Panne, denn in der Box befand sich noch eine Fliege, so daß dem Empfänger ein Monster entsteigt, halb Fliege, halb Mensch.

Der kanadische Regisseur David Cronenberg (von dem mit "Dea[d] Zone" die bisher beste Verfilmung eines Stoffes des neuen amerikanischen Horror-Meisters Stephen King stammt) hat sich nun an ein Remake gemacht.  Die Grundzüge der Geschichte hat er unangetastet gelassen, sie aber an den neuesten Stand der Wissenschaft angepaßt.

Diesmal widerfährt dem unglücklichen Forscher eine Genvermischung, was dazu Anlaß gibt, seine allmähliche Verwandlung von einem Menschen in ein Monster zu demonstrieren. Schließlich hat sich auch die Tricktechnik weiterentwickelt - was in diesem Fall aber gar nicht zu begrüßen ist.

Denn der Film ist gerade zur Hälft um, da sagt das Ungeheuer: "Ist das nicht ekelhaft?" Und da hat man die schlimmsten Blut- und Schleimorgien noch gar nicht gesehen. Was Neumann mit seinen dezenten Horror-Bildern gelang, die Phantasie des Zuschauers durch geschicktes Weglassen anzuregen und so den Schrecken im Kopf zu schaffen, das mißlingt Cronenberg mit seiner Flut von Schockeffekten völlig: Bei ihm dreht sich höchstens der Magen um.

Und wenn der Zuschauer so unter der Gürtellinie getroffen wird, dann mag sich auch partout kein Entsetzen einstellen, dann guckt man viel eher auf die Uhr, wann es denn endlich vorbei ist.

Einen ähnlichen Schwall von Reizen braucht Cronenberg auch für die innere Motivation des Zuschauers, sich von der Geschichte angesprochen zu fühlen. War es bei Neumann seinerzeit die Assoziationskette "Auflösung in Atome - Atombombe", so braucht das Remake nun gleich die ganze Klischeekiste des Horrorfilms: Den wahnsinnigen Wissenschaftler Dr. Jekyll und Mr. Hyde, King Kong, den Werwolf, das Monster im Mutterleib aus "Rosemaries Baby".

Sie alle müssen herhalten, um beim Auftreten des Monsters Identifikationen und Reaktionen auszulösen. Aber tatsächlich trägt auch dieser Verzicht auf eine klare Linie dazu bei, den Film zu ruinieren.

Sven Hansen