Die Welt, 17.11. 1999

Gewinnen ist ein relativer Wert: David Cronenberg über Computerspiele

 

Der kanadische Regisseur David Cronenberg (56) ist einer der intellektuell versiertesten Filmemacher. Sein Hauptthema ist die stets labile Beziehung zwischen Körper und Geist. Holger Kreitling sprach mit ihm über Computerspiele.

 

DIE WELT: Sind Sie gegen Computerspiele?

David Cronenberg: Nein, überhaupt nicht. Aber ich bin auch nicht dafür - das ist sehr kanadisch.

DIE WELT: Was geschieht mit uns, wenn wir vor dem Computer sitzen und spielen?

Cronenberg: Vieles von dem, was wir in unserem Leben unternehmen, ist ein Versuch, vor der Auseinandersetzung mit dem Tod zu fliehen. Nehmen Sie eine katholische Messe. Das Erlebnis zieht einen aus dem Körper heraus; die ganze Kirche ist gebaut, um den Körper vom Geist abzulösen. Computerspiele funktionieren ebenso. Wir benutzen neue Technologien immer, um Sexualität einzubinden und unseren Körper in Transzendenz aufzulösen.

DIE WELT: Genau wie im Kino.

Cronenberg: Klar. Oder Literatur. Man vergißt seine physischen Gegebenheiten.

DIE WELT: Haben Computerspiele etwas mit Therapie zu tun?

Cronenberg: Noch nicht. Die meisten Spiele, die ich gesehen habe, reflektieren nicht die Situation des Spielers. Sie nehmen den Spieler mit, zeigen ihm etwas. Das Kino, das mich interessiert, reflektiert die Situation des Zuschauers, spielt den Ball zurück. Hollywood ist sehr erfolgreich, gerade dies nicht zu tun. Das führt zu der Frage, ob Spiele Kunst sein können? Für mich: ja. Ein Spiel spielen ist sehr demokratisch; der Spieler hat die Kontrolle über das, was er tut. Kunst ist dagegen sehr autokratisch. Der Künstler führt dich in seine Kunst: an einen Platz, wo man vielleicht gar nicht hin will, wo man aber allein nicht hingehen kann.

DIE WELT: Doch der Spieler verliert immer gegen das Spiel.

Cronenberg: Das hängt von der Idee ab, was ein Spiel ist. Wettbewerb ist in der Kunst ziemlich seltsam. Sehr subjektiv. Gewinnen ist ein relativer Wert. Wenn Spiele zur Kunst werden, wird das Gewinnen unwichtig sein. Man redet ja auch nicht von Gewinnen, wenn man ein Buch liest. Vielleicht wird das Ziel des Sieges einmal gar kein Teil des Spiels mehr sein - so wie Rollenspiele es jetzt schon tun.