Die Welt, 15.5.1992


Cronenbergs Burroughs-Film "Naked Lunch"

Ab ins Unbewußte


Nichts ist wahr, alles ist möglich passender und abenteuerlicher kann kein Motto sein für einen Film, der sich mit Kreativität, Phantasie, Halluzination beschäftigt. Und natürlich mit William S. Burroughs, der fast mythischen Vaterfigur der bewußt unangepaßten Beat-Literatur, die entstand aus dem Lebensgefühl der outlaws als Kontrast zum ordentlichanständigen American way of life and in den 50er and 60er Jahren die Intellektuellen entscheidend beeinflußte.

David Cronenberg,1943 in Toronto geboren, hat Burroughs früh für sich entdeckt - nicht ahnend, daß er "Naked Lunch" eines Tages ins Kino bringen würde. Herausgekommen ist ein wunderbar klarer, verführerischer Film vom Labyrinth des Unterbewußten. Es ist die Welt eines Kreativen, des Schriftstellers William Lee (mit beunruhigender Sensibilität- Peter Weller). Als Kammerjäger befrei+ William Lee New Yorker Wohnungen von Kakerlaken, weil man vom Schriftstellerhonorar bekanntlich schlecht leben kann. Und weil er das Insektenpulver wie eine Droge injiziert. Lee and seine Frau Joan (Judy Davis) sind längst abhängig.

Im Rausch erfährt Lee von einer riesigen Kakerlake, daß Joan eine feindliche Agentin sei, and erhält den Rat, sie noch in derselben Woche zu töten. Was auch prompt passiert, als Lee wieder mat mit seiner Frau das Wilhelm-Tell-Spiel spielt and sie dabei in die Stirn trifft. Lee verschlägt es nach Interzone, in -eine arabisch exotische Welt. Dort nimmt das halluzinatorische Leben, das Abtauchen in Unbewußtes, seinen Lauf.

Es ist, als ob das Verbrechen Lee die Türen geöffnet hätte zu einer nie gekannten Freiheit. In Interzone findet er den Mut zu seiner Homosexualität and die Kraft zum Schreiben, obwohl auch das wieder zur Qual wird. Schreibmaschinen werden zu sprechenden Riesenkäfern, and menschengroße Mugwump-Monster verkörpern sexuelle Ambivalenz. Exzesse and Perversionen sind an der Tagesordnung, and Lee wird wieder die Frau töten, die er liebt and die Joan wie aus dem Gesicht geschnitten ist.

"Ich glaube, Burroughs ist ein Mann voller Verdrängungen and Hemmungen", so Cronenberg zur WELT. "Er mußte total extrem sein, um zu seinem eigenen Unterbewußtsein vorzudringen. Vielen Künstlern geht es so, daß sie sich aus sozialen Zwängen befreien müssen, um kreativ sein zu können. Burroughs hat mich von. Anfang an beeindruckt, weil er in der repressiven Eisenhower-Ära mit seiner Literatur die Konventionen zerstörte - wie es die Rock'n'-Roll-Musik tat. Ursprünglich wollte ich Schriftsteller werden, and deshalb bedeutete die Arbeit an diesem Film für mich auch ein Entdecken meiner eigenen Entwicklung."

"Naked Lunch" ist keine "normale" Literaturverfilmung. Cronenberg hat Elemente aus Burroughs' Leben verarbeitet and eigene Phantasien. Es ist ein irritierender Film - vor allem für jeden, der um die Schwierigkeiten des Schreibens weiß. "Naked Lunch" verunsichert in hohem Maße and in positivem Sinne - wie sein Titel, den Jack Kerouac anregte and der sich, taut Burroughs, auf "einen gefrorenen Moment" bezieht, in dem jeder sieht, "was auf den Zinken der Gabel steckt". FRAUKE HANCK