Die Welt, 10.2.1989

Von eineiigen Zwillingen handelt David Cronenbergs Film "Die Unzertrennlichen". In den beiden Hauptrollen ist Jeremy Irons zu sehen.

Komplizen bis in den Tod hinein

David Cronenberg überrascht seine Fans. Der kanadische Grusel-Guru, sonst nicht gerade zimperlich im Erschrecken und Schockieren, scheint uns diesmal auf Samtpfoten umgarnen zu wollen. Aber schonen tut er uns nicht minder: "Die Unzertrennlichen" sind ein unerbittliches Meisterstück in subtilem Horror. Einf Film, in dessen Sog man selbst zum ausweglosen Alpträumer wird. Es geht um Zwillinge, eineiige, wohlgemerkt. Denn die haben eine besondere Beziehung zueinander, die, wie Cronenberg sagt, "eine komplizierte Love-Story ist, die schon im Mutterleib beginnt, wo sie in gemeinsamer Umarmung wachsen."

Ein solches eineiiges Zwillingspaar, renommierte New Yorker Gynäkologen, wurde 1975 tot in einem Durcheinander von Abfall und Tablettenröhren im eleganten gemeinsamen Appartement in der 63. Straße gefunden, offenbar Doppelselbstmord, der allerdings bis heute ungeklärt blieb.

Mit fast klinischer Strenge erzählt Cronenberg seine Zwillings-Geschichte. Beverly und Elliot Mantle (atemberaubend, bravourös, so gut wie nie zuvor ist Jeremy Irons in dieser Doppelrolle) sind schon als Kinder unzertrennlich, auch im frühen anatomischen Interesse am menschlichen und besonders weiblichen Körper. Sie studieren mit großem Erfolg, machen eine gemeinsame Gynäkologen-Praxis auf, teilen sich eine modisch-gestylte Luxuswohnung und sogar ihre Frauen. Ihnen gegenüber verheimlichen sie jedoch ihre Zwillingsexistenz.

Das ändert sich radikal und schließlich katastrophal, als die Schauspielerin Claire Niveau (Geniève Bujold) als Patientin in ihre Praxis und als Geliebte in ihr Privatleben tritt. Der übersensible, labile, drogenabhängige Beverly verliebt sich ernsthaft, gesteht Claire das fatale Doppelspiel und verletzt damit nicht nur die brüderlichen Spielregeln, sondern letztendlich auch sich selbst und in der Folge den Bruder tödlich. Denn Beverlys Versuch, sich von dem souveränen, selbstbewußten, starken Elliot zu lösen, von ihm unabhängig zu leben, führt unmittelbar in die Katastrophe.

Und die führt Cronenberg uns schockierend vor, ohne Rücksicht auf empfindsame Gemüter, in konsequentem Realismus. Und er bereitet uns auf dieses Entsetzen von Anfang an systematisch vor. Das Verhalten der Zwillinge zueinander hat etwas von unausweichlicher verschwörerischer Komplizenschaft und von geheimnisvoll bedrohlichem Einander-Ausgeliefert-Seins. Und das alles in einem medizinisch-kühlen Operationssaal-Ambiente mit dem kalten Glanz der gynäkologischen, chirurgischen Instrumente. Eine Atmosphäre, in der keine glückliche Wärme und keine liebevolle Harmonie entstehen könnte.

Nerventhrill auf leisen Sohlen, nichts für blutrünstige Monster-Fans, sonder etwas für Liebhaber hintergründiger Seelen-Phantasmen. Bemerkenswert, daß Cronenberg herkömmlichen Zwillings-Klischees souverän aus dem Weg geht, indem er realistischeren Gegebenheiten folgt. Seine Zwillinge sind weder absiolut gleich wie in den beliebten Verwechslungskomödien, noch absolut gegensätzlich wie in der Jekyll & Hyde-Kombination einschlägiger Psychodramen. Elliot und Beverly sind jeweils individuell so komplex mit identischen Wesens- und Charakterzügen ausgestattet, daß sie sich ergänzen und nur in dieser Ergänzung sozusagen als Doppeleinheit lebensfähig sind.

Eine komplizierte Love-Story, die im Grunde dem Ideal der wahren Liebe nahekommt, aber der Realität der tatsächlichen Liebe nicht gewachsen ist. Cronenbergs intelligenter Thriller macht eher melancholisch als angst und beschäftigt Phantasie und Gedanken noch lange nach dem schmerzhaften Ende.

Frauke Hanck