Die Zeit 10.2. 1989

Kino: "Die Unzertrennlichen" von David Cronenberg

No body is perfect

Filme aus Fleisch und Blut. Filme, die einen dort treffen, wo man am empfindlichsten ist, am eigenen Körper. Bilder wie Ansteckungsherde. Parasiten, die sich im Zentrum unserer Imagination festsetzen und dort unseren intimsten Ängsten Gestalt verleihen. Die Filme von David Cronenberg befallen an Leib und Seele.

Am 17. Juli 1975 entdeckte ein Hausmeister die verwesenden Leichen der Zwillinge Cyril und Stewart Marcus im Schlafzimmer ihrer Luxuswohnung in Manhattan. Die beiden waren angesehene Mediziner und erfolgreiche Gynäkologen, sie lebten und arbeiteten zusammen. Den nur mit Strümpfen bekleideten Stewart fand man auf dem Boden, während Cyril in Unterhosen mit dem Gesicht nach unten auf dem Bett lag. Das Apartment war übersät von Abfall, Schanpsflaschen und Tablettenverpackungen. Wie die Autopsie ergab, war Stewart einige Tage vor Cyril gestorben, wobei die genaue Todesursache unklar blieb.

Das ist der Stoff, aus dem Cronenbergs Alpträume sind. "Die Unzertrennlichen" spielt in Toronto, die Zwillinge heißen Elliot und Berverly Mantle. Beide Rollen spielt Jeremy Irons, den aktiveren Elliot und den passiveren Beverly. Die Tricks und Finten, die Cronenberg angewandt hat, um beide ins Bild zu bringen, fallen nicht ins Auge. Im Gegenteil: Das Wissen des Zuschauers, daß es sich bei den beiden um denselben Schauspieler handelt, verstärkt noch die Illusion vn den eineiigen, ununterscheidbaren Mantle-Zwillingen, den mental und körperlich Unzertrennlichen.

Die beiden Gynäkologen teilen sich Wohnung, Karriere und Frauen, sie ergänzen sich dabei ideal. Mit der Verwechselbarkeit treiben sie ihr Spiel: der eine macht die Frauen an, der andere geht mit ihnen ins Bett, der eine forscht, der andere operiert, der eine hält sich zurück, der andere tritt hervor. Diese delikate Balance zweier Leben, zwischen wechselseitigem Tun und Lassen, ist das Ordnungsprinzip des Films. "Die Unzertrennlichen" ist ein Nullsummenspiel. Je mehr der eine aus dem Gleichgewicht gerät, desto schwieriger wird es für den anderen, alles wieder ins Lot zu rücken. Der einzig logische Schluß: der Tod.

Ein Film aus Anthrazit, durchsetzt von Pfützen aus Nachtblau und Champagnerfarben, Flaschengrün und Lilienweiß. So nehmen die Räume Gestalt an, gebaut auf kühlen Farben, gefüllt mit abweisendem Licht, konstruiert nach den Plänen alter Meister. Die Luxuswohnung der Mantles wirkt wie die kristallisierte Extase italienischer Designer, in denen der Mensch eher unangenehm auffällt. In Cronenbergs funktionaler Architektur ist der menschliche Körper fehl am Platz, unvollkommen, wie die unkontrollierte Wucherung der Natur. Der wirkliche Schauplatz dieser Filme sind Gedankengebäude, Projektionen ordnungswütiger Vernunftmenschen.