Die Zeit, 6.7. 1984

Enttäuschend

"Dead Zone" von David Cronenberg (nach dem gleichnamigen Roman von Stephen King).

Der Film erzählt von einem Mann, der nach einem Autounfall fünf Jahre lang im Koma liegt. Als er schließlich wieder zu Bewußtsein kommt, entdeckt er in sich die Fähigkeit, zukünftiges und vergangenes Geschehen vor- bzw. nachzuerleben. Cronenbergs Film zeigt diese Fähigkeit ganz real. Wie immer im phantastischen Kino steht so das Unwahrscheinliche neben dem Konkreten, das Übernatürliche neben dem Alltäglichen. Die Grenzen des Wirklichen verflüchtigen sich, sie werden flüssig; gewohnte Sicherheiten lösen sich wie selbstverständlich auf. Doch die Dramaturgie der Ereignisse, ihre Abfolge und ihr Rhythmus dämmern die Explosivität dieser Grenzerweiterung ein. Was die Geschichte verspricht (daß ein Hellsichtiger die Gefährlichkeit eines US-Präsidentschaftskandidaten voraussieht und deshalb eingreift), verläppert sich in allzu konventionell montierten Bildern. Daß Cronenberg filmisch erzählen kann, muß er nicht beweisen; mit "The Parasite Murders", "The Brood" und "Scanners" hat er längst gezeigt, wie grundlegend er uns Zuschauer zu irritieren, wie beiläufig er Brutales, Grausames, Blutrünstiges als Teil unserer Welt zu inszenieren vermag. nach Tobe Hooper ("Salem´s Lot"), George A. Romero ("Creepshow"), Lewis Teague ("Cujo") und John Carpenter ("Christine") scheitert mit Cronenberg bereits der fünfte Meisterregisseur des Horrorkinos an einem Stephen-King-Stoff.

Norbert Grob